Improvisation einst und heute2018-09-02T20:25:13+00:00

Improvisation einst und heute

“Die Improvisationen wirkten wie Werke, die Werke wie improvisiert.” Solche Sätze hörten wir mit Freude nach Konzerten unseres Ensembles “Mumelter’s Concertodrom”, das in den 1970er Jahren intensiv auftrat. Heute greife ich den Faden der Improvisation vielleicht wieder auf  – in Verbindung mit meinen eigenen Texten.

Das Konzept entstand im Auftrag der Jeunesses musicales: Ich möge eine Konzertform mit besonderem Augenmerk auf junges Publikum entwickeln, ohne Erklärungen, keines der schon damals aufkommenden Vermittlungsprojekte. Im Concertodrom konnte man sich wie in einem Rockkonzert fühlen und zu seiner Überraschung erfahren, dass man soeben ein Stück “Neuer Musik” gehört hatte, man konnte aber auch die Vertonung eines Heiratsinserats der aktuellen Tageszeitung hören, treuherzig gestaltet als barocke Arie, und unter Lachtränen erfahren, dass jede soeben gehörte Note im Moment erfunden war. Man hörte ein Lied von John Dowland und dachte, ein Chanson sei soeben improvisiert worden. Das war nur mit hervorragenden Partnern möglich: Einige waren speziell in der Alten Musik und ihren Improvisationswelten bewandert, wie der unvergessliche Organist und Cembalist Kurt Neuhauser, der imstande war, gewaltige Orgeln samt Kirche in Swing zu versetzen, andere kamen vom Jazz wie der Gitarrist Harry Pepl und der Vibraphonist Werner Pirchner, lang vor seiner Karriere als Komponist. Max Engel mit Hauptinstrument Cello war schon damals Mitglied des Concentus musicus, konnte aber ebenso gut Neue Musik spielen – und neben dem Cello eine ganze Palette anderer Instrumente. Jeder aber konnte zwanglos in die Gegenwelten wechseln, insbesondere unsere Sängerin Doris Linser, die von der Staatsoper München kommend eine Improvisation beliebiger Art ebenso hinzulegen wusste wie ein “Summertime” oder ein Lied von Schubert. Als sie einmal ausfiel, wurde sie von ihrer Kollegin Susanne Heyng vom Münchner Gärtnerplatztheater im letzten Moment ebenbürtig ersetzt – immerhin im randvollen Großen Saal des Mozarteums Salzburg mit Radioübertragung. In der Bildfolge des Headers ein Teil der Kernbesetzung um den Flügel gruppiert: vl. Max Engel, Martin Mumelter, Doris Linser-Rainer, Werner Pirchner, Kurt Neuhauser.

Das Publikum konnte an der Abendkasse Themen, Texte, Zwölftonreihen abgeben, die wir in der Pause sichteten und in Auswahl vertonten, insbesondere aber barocke Chaconne- oder Passacagliathemen, die  als Basis für weit gespannte Improvisationen des gesamten Ensembles dienten. “Ihr hättet Eure Chaconne  ewig weiterspielen können”, sagte eine Kollegin, und dass ein heute berühmter Geiger mir erzählt hat, im Concertodrom, als Kind von den Eltern mitgenommen, sei sein Wunsch aufgekeimt, Musiker zu werden, freut mich noch immer. Und da gibt es die Dunkelziffer: all jene, die damals dabei waren und treue Konzertbesucher geblieben sind.

Man kann so etwas nicht sehr lang durchhalten und ich denke, wir haben im rechten Moment aufgehört. Die Erfahrungen mit dem Concertodrom haben mein Spiel nachhaltig beeinflusst. Fast ein halbes Jahrhundert später überlege ich, Lesungen meiner mittlerweile entstandenen  Texte mit Improvisationen zu durchsetzen. Mir scheint, es könnte mehr als eine bloße Umrahmung daraus werden. Schauen wir, hören wir, was da kommt…

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